Blasewitz besitzt die älteste private Sternwarte Europas !

Die Sonnenkönigin von Blasewitz

VON VEIT MÜLLER

Sommer 1945; Hungersnot Charlotte Schimmel-Frantz sitzt im Bummelzug von Weimar nach Buttelstedt um Äpfel abzuholen. Zwölf Kilometer die sie niemals vergessen wird. Verwundert schaut Sie aus dem Fenster. "Obwohl keine Wolke am Himmel stand, sah es aus, als ob es gleich gewittern würde." Immer wieder reibt Charlotte sich die Augen, doch es wurde immer dunkler und ich fühlte, daß irgend etwas nicht stimmte." Mit ihren zwei zappelnden Söhnen an den Händen, tritt die junge Mutter aus dem menschenleeren Bahnhof der thüringischen Kleinstadt Buttelstedt. Gleisendes Licht empfängt sie. Doch die Sonne steht hoch am Himmel. Die Lösung liegt in Scherben auf dem Platz: Zerschlagene Bierflaschen. Die Tochter des Hobbyastronomen Alexander Frantz weiß sofort, was die Scherben bedeuten: Sie hat gerade einen Sonnenfinsternis verpaßt.

Ein maurischer Turm im sächsischen Garten

Hinter ihrem braunen Schreibtisch in Dresden Blasewitz thronend, schildert die heute 87jährige Charlotte Schimmel-Frantz lebhaft das Phänomen von Buttelstedt. "Mein Vater hatte mir erzählt daß man durch braune Scherben geschützt die Sonne sehen könne deshalb wußte ich, was passiert war.

Die Sternwarte von Blasewitz in der Hofmannstraße

Die Sternwarte von Blasewitz in der Hofmannstraße

Sie ist die Erbin seines Wissens und Besitzerin der ältesten privaten Sternwarte Europas die den Namen ihres Vaters trägt. Mit der Einweihung des selbstgebauten Observatoriums, am 11. Juni 1922 erfüllte sich der Maschienenbauingenieur Alexander Frantz seinen Kindheitstraum. Auf die Zinnen des zwölf Meter hohen, maurisch anmutenden Turmes, der in seinem Garten in Blasewitz stand hatte er eine halbrunde, vier Quadratmeter große Kuppel gesetzt. Sie umwölbte das für jene Zeit hervorragende Revolverkopffernrohr. Es konnte die Sterne 500mal so nah heranholen wie das bloße Auge. Heute schafft das Gerät nur noch eine 113-fache Vergrößerung.

"Ich glaube, mein Vater hat das Grundstück ein Jahr zuvor nur wegen des Turmes gekauft" sagt seine Tochter. Um die Jahrhundertwende gab es unter den reichen Blasewitzer Villenbesitzern die Marotte, orientalische Bauten in die Gärten zu setzen, erzählt sie. Mit seinem Kuppelkopf sieht der Sternwartenturm wie eine ins Kraut geschossene Riesenmorchel aus. An einigen Stellen bröckelt der Putz. Der Turm ist Teil des großen Gartenhauses, das von Schleedornbüschen, Buchsbaumhecken, Tannen und Birken umgeben ist.

Lieber Fernrohre bauen als Heizungen reparieren

In einem astronomischen Jahrbuch blätternd, sucht Charlotte einen Hinweis auf das Phänomen von Buttelstedt. Doch wie immer ist auch heute nichts zu finden. Na gut, dann eben noch eine Geschichte aus Vaters Leben:"Statt Heizungen wollte er viel lieber Fernrohre bauen", lächelte sie verschmitzt. Aber der Junge mußte was ordentliches studieren. Nix mit zerstreuten Proffessor: Er wurde Maschienenbauingenieur für Sanitäranlagen. "Doch die Sterne ließen ihn nicht los", sagt Charlotte. In seiner Freizeit entwarf und baute er Kuppeln, die noch heute mehrere Sternwarten in Sachsen und Thüringen schmücken. Auch konstruierte der Mathematikfan einen astronomischen Himmelsglobus.

"Mein Vater hat das All geliebt." Charlottes Augen leuten. Sie ist unheimlich stolz auf ihn. Genauso, wie auf ihre kleine, aber feine astronomische Bibiliothek, die im Museum der Sternwarte steht. "Manche Bücher sind schon fast 150 Jahre alt. Die Hälfte habe ich selbst gesammelt."

Hin und wieder klettert Charlotte den Turm hinauf, um nach dem Rechten zu sehen. Die schmale 87-jährige ist unglaublich fit für ihr hohes Alter. Ihre dunkelbraunen Augen funkeln vor Vitalität. "Eigentlich wollte ich ja Schlosser werden, doch das schickte sich damals nicht für Mädchen. " Sie liebt die Sterne wie ihr Vater. " Ich konnte gar nicht anders, bin ja damit aufgewachsen." Als feststand, daß ihr Mann nicht aus dem Krieg heimkehren würde, ging sie zu ihrer Familie nach Dresden zurück.

.,Ich wurde die Sekretärin meines Vaters und war bei all seinen Unternehmungen dabei." Nebenbei studierte sie zwei Jahre Astronomie an der Volkshochschule und leitete eine Astro-AG bei den Jungen Pionieren. Nach dem Tod ihres Vaters 1962 übernahm sie die Leitung seiner Klempnerfirma und der Sternwarte. Den Betrieb mußte sie bald an die Arbeiter- und Bauernbeamten verkaufen, doch die Sternwarte blieb ihr. Bis heute führt Charlotte sie allein. Mein Sohn ist selbstständig und hat viel zu tun, und meine Enkel kann ich nicht begeistern, zuckt sie leicht resignierend die Schultern.

Auf der Suche nach einem Nachfolger

Selbst beobachtet die alte Dame nur noch selten den nächtlichen Sternenhimmel. "Ich gucke sehr, sehr gern, doch es ist mir zu gefährlich, nachts allein im Turm zu sein." Dafür schaut ihr 15-jähriger Assistent Johannes ab und an durch das Fernrohr. In letzter Zeit guckt auch er nicht mehr so häufig in die Sterne. Schule und Freunde fordern Tribut. Vor drei Jahren hat Charlotte ihn in die Welt der Astronomie geführt und der damals kleine Bub machte sich richtig gut. Sie brachte ihm wissenschaftliche Sorgfältigkeit bei, und Johannes enttäuschte sie nicht. Sonnenflecken hat er schon akkurat kartographiert. Ob er mal in ihre Fußstapfen treten wird, weiß sie nicht.

Die Zukunft der Sternwarte macht ihr ernsthaft Sorgen. "Ich darf gar nicht sterben, weil ich nicht weiß, wie es weitergehen soll." Sie wünscht sich einen Nachfolger der mit "Herzblut Sterne liebt" und älter als 30 Jahre ist. "Bezahlen kann ich ihm leider nichts."

Charlotte Schimmel-Frantz freut sich über jeden Besucher. Geld nimmt sie nicht, doch eine kleine Spende ist gern gesehen. Ihr Observatorium steht allen Sternenfreunden offen, nur sollten die sich vorher anmelden. Ich mache aber nur noch Sonnenbeobachtung. Für nächtliches Sternegucken fühle ich mich einfach zu alt." Bevor neugierige Besucher die 54 Stufen ins Allerheiligste hinaufgehen dürfen, warnt Charlotte sie im Vortragsraum vor eventuellen Kopfstößen. oder sonstigen Gefahren. Wer nach dem Himmelstrip Lust auf Geschichten aus dem Leben der Familie Frantz hat, ist auf halbem Weg im Museumsraum willkommen. Das Phänomen von Buttelstedt hat Charlotte Schimmel-Frantz nie los gelassen. Eine Woche vor der jüngsten Sonnenfinsternis Anfang August flatterte ihr ein Brief ins Haus.

CharIotte Schimmel-Frantz in ihrer Sternwarte

CharIotte Schimmel-Frantz in ihrer Sternwarte

Als die Sonne wie eine goldener Ring aussah

Christian Wirth, ein pensionierter Physiklehrer aus dem Schwarzwald, schrieb, daß auch er eine Sonnenfinsternis gesehen habe, die er sich nicht erklären könne. Vor 54 Jahren erlebte der damals neunjährige Christian in Herrnhut in der Oberlausitz eine ringförmige Sonnenfinsternis. Der Mond stand direkt in der Sonne, aber zu weit von der Sonne entfernt, so daß die Sonne wie eine goldener Ring aussah. Sie strahlte mir direkt ins Gesicht", erinnert er sich. Nach Angaben der Sternwarten in Dresden, Görlitz, Sonneberg und Jena können Charlotte und Christian. Nur die Sonnenfinsternis vom 9. Juli 1945 meinen. So geheimnisvoll war sie zwar nicht. Doch schön, zu glauben, sie wäre es.

Alexander-Frantz-Sternwarte
CharIotte Schimmel-Frantz
Hofmannstraße 11
01277 Dresden
Tel. 0351-310 08 61

Quelle: Sächsische Zeitung vom 04./05.09.99

 

JGL 07.09.99